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- 15. Mär
Wenn du so klug bist, warum machst du keinen Fortschritt?
Ich komme verschwitzt vom Gym nach Hause, mache mir einen Proteinshake und setze mich aufs Sofa, während meine Eltern Markus Lanz laufen haben.
Eine Frau sitzt da und redet. Ich kenne ihre politische Richtung nach drei Sätzen. Und bevor sie den vierten Satz fertig hat, habe ich innerlich bereits entschieden: falsch, verblendet, keine weiteren Fragen.
Ich höre nicht zu. Ich warte, bis sie fertig ist, damit ich mir bestätigen kann, dass ich recht habe.
Was ich in dem Moment nicht weiß: Das ist kein Urteil. Das ist Dogma.
Jeder redet von Open Mindedness. Jeder hält sich für offen. Aber wie oft hast du dich wirklich hingesetzt und versucht, das politische Gegenteil von dir zu verstehen, ohne es nach drei Sätzen komplett abzuschreiben?
Ich habe mich das damals gefragt. Und ich hatte keine gute Antwort. Also habe ich mich hingesetzt, eine AI geöffnet und versucht, die Argumente der anderen Seite wirklich zu durchdenken, nicht um zuzustimmen, sondern um zu verstehen. Das Gegenteil von Open Mindedness ist nicht Dummheit. Es ist Dogma, die Überzeugung, dass die eigene Weltanschauung so richtig ist, dass sie gar nicht erst getestet werden muss.
In den 1960ern hat der Psychologe Clare Graves ein Modell entwickelt, das heute als Spiral Dynamics bekannt ist. Die Grundidee ist radikal einfach: Menschen entwickeln sich durch Bewusstseinsebenen, und jede Ebene hat ihre eigene Logik, ihre eigenen Werte und ihr eigenes Weltbild. Das Entscheidende dabei ist, dass jede Ebene sich für die RICHTIGE hält.
Beige ist die Überlebensstufe, auf der der einzige Fokus ist, Nahrung zu finden und am Leben zu bleiben.
Lila ist die Stammesstufe, auf der Regeln, Rituale und die Gruppe über allem stehen.
Rot ist die Stufe der Macht, auf der derjenige recht hat, der am lautesten redet oder am härtesten zuschlägt, ein bisschen wie die dunkle Seite der Macht aus Star Wars. Spaß, eher wie Straßengangs.
Blau ist die Ordnungsstufe, auf der es klare Regeln gibt, die für alle gelten und an die man sich hält, weil es einfach so richtig ist. Ein klassisches Beispiel sind Religionen mit festen Regeln und Prinzipien.
Orange ist die Leistungsstufe, auf der man optimiert, skaliert und gewinnt, egal wie, solange die Zahlen stimmen. Mindestens 50% von uns haben große "Rot-Anteile" in sich.
Grün ist die Gemeinschaftsstufe, auf der Authentizität, Gleichheit und Mitgefühl plötzlich wichtiger sind als Status und Gewinn.
Wichtig ist, dass viele Menschen denken, sie seien auf Stufen, auf denen sie eigentlich nicht sind.
Und meistens hat man eine starke Abneigung gegen die Stufe unter sich.
Beispielsweise lehnt die Wissenschaft (orange) Religionen (blau) ab oder Hippies (grün) lehnen Kapitalismus und Status ab (orange).
Wenn du dich davon gerade leicht getriggert fühlst, gut - das ist der Punkt.
Und dann gibt es Gelb.
Gelb ist die erste Stufe, die alle anderen Stufen SIEHT. Nicht bewertet, nicht verurteilt, sondern wirklich versteht, warum jede Ebene aus ihrer eigenen Logik heraus Sinn ergibt.
Ich sitze auf diesem Sofa und bin überzeugt, rational zu sein. Ich denke, ich beurteile die Situation klar. Was ich nicht sehe: Ich bin genauso in meiner Perspektive gefangen und reagiere genauso dämlich wie sie wahrscheinlich auch.
Und wenn du dich gerade ein bisschen darin wiedererkennst, solltest du auf jeden Fall weiterlesen.
Was Spiral Dynamics mit deiner Welt zu tun hat
Elon Musk hat kürzlich in einem Interview gelacht, als er darüber geredet hat, und die Kommentare darunter sind ausgerastet. Menschen haben sich beschwert, aufgeregt, Musk als herzlosen Milliardär bezeichnet. Was kaum jemand in diesen Kommentaren gemacht hat: die Aussage sachlich prüfen. Und das liegt nicht daran, dass die Menschen dort dumm sind, sondern daran, dass jede Bewusstseinsebene auf neue Informationen auf ihre eigene vorhersehbare Art reagiert.
Wenn Orange hört, dass Jobs wegfallen, optimiert Orange: besserer Lebenslauf, mehr Zertifikate, härteres Netzwerken. Wenn Grün hört, dass Jobs wegfallen, empört sich Grün: das System ist ungerecht, die Reichen werden reicher, irgendjemand muss das regulieren. Beide Reaktionen sind verständlich. Beide lösen das Problem nicht, weil beide Reaktionen aus ihrer eigenen Ebene heraus entstehen, ohne das System selbst zu sehen.
Die Creator Economy war 2024 rund 205 Milliarden Dollar wert. Goldman Sachs prognostiziert, dass sie bis 2027 auf 480 Milliarden Dollar wächst. Gleichzeitig werden 96% aller Social Media Inhalte von AI mitproduziert, und die Begeisterung der Nutzer für AI-Content ist seit 2023 von 60% auf 26% abgestürzt. Menschen nennen das, was sie sehen, mittlerweile offen "AI slop", austauschbaren Brei, der nach niemandem klingt.
Was passiert also gerade wirklich?
Die Creator Economy verschiebt sich. Vor ein paar Jahren hat Orange dominiert: Lamborghinis, Rolex, Kontostand zeigen, Status performen. Das hat funktioniert, weil Orange damals die fortschrittlichste Ebene im Feed war. Heute ist Grün dominant: Authentizität, verletzlich sein, die echte Story teilen. Und auch das funktioniert gerade noch, aber der Markt sättigt sich.
Was als nächstes kommt, ist Gelb.
Nicht weil Gelb "besser" ist im moralischen Sinne, sondern weil Gelb das Einzige ist, was AI nicht replizieren kann. Menschen wie Naval Ravikant oder Dan Koe haben keine größere Audience aufgebaut als andere, weil sie mehr gepostet haben oder bessere Thumbnails hatten.
Naval postet es selber in seinem "How to get rich"-Tweet:
Sie haben eine Perspektive entwickelt, die mehrere Domänen gleichzeitig verbindet, Philosophie mit Business, Psychologie mit Technologie, ihre eigene persönliche Geschichte mit universellen Wahrheiten, und daraus etwas gemacht, das vorher niemand so formuliert hatte.
Und diese Denkweise ist lernbar, aber nur wenn du bereit bist, eine Ebene höher zu steigen als die, auf der du gerade diskutierst, optimierst oder dich empörst.
Die meisten Menschen sehen das nicht, weil sie aus ihrer Ebene heraus schauen, nicht über sie hinaus. Orange fragt: wie optimiere ich meinen Content-Output? Grün fragt: wie bleibe ich authentisch? Gelb fragt: was ist das eigentliche Spiel hier, und wie verändert es sich gerade?
Das ist der Unterschied zwischen im Leben leben und über dem Leben stehen.
Wie du die Denkweise entwickelst, die AI nicht ersetzen kann
Zwei Wochen nach dem Markus Lanz Abend bin ich auf einem 7-Kilometer-Lauf über die Rheinbrücke, mittags, entspanntes Pace, Kopfhörer rein.
Ich höre einen Podcast von Leo von actualized.org über epistemische Verantwortung. Und irgendwo auf dieser Brücke, mit Blick auf den Rhein, beschreibt er genau das, was ich zwei Wochen vorher auf diesem Sofa gemacht habe.
Ich nenne den Spaß epistemische Feigheit: die Tendenz, Argumente abzulehnen, bevor man sie wirklich gehört hat, weil das Zuhören die eigene Weltanschauung gefährden könnte. Das Gehirn schützt seine eigene Ebene, automatisch, unbewusst, bevor du überhaupt entschieden hast, ob du zuhören willst.
Ich höre das und denke: ah shit.
Epistemische Verantwortung ist das Gegenteil davon. Es bedeutet, die Wahrheit ernster zu nehmen als die eigene Meinung. Nicht weil man keine Meinung haben darf, sondern weil eine Meinung, die nie wirklich getestet wurde, keine Meinung ist, sondern ein Reflex.
Naval Ravikant hat das auf seine eigene Art beschrieben. Sein "How to Get Rich" Tweet-Thread aus dem Jahr 2018 wurde über 21.000 Mal retweetet, nicht weil er irgendwelche Geheimtipps hatte, sondern weil er bereit war, Konzepte aus Spieltheorie, Philosophie, Informatik und Ökonomie so zusammenzubringen, dass plötzlich etwas sichtbar wurde, das alle bereits ahnten, aber niemand so formuliert hatte.
Das ist das Unicorn Principle.
Ein Einhorn ist kein Fantasiewesen. Es ist ein Pferd mit einem Horn. Kreativität ist nie Erfindung aus dem Nichts, sondern die Verbindung von Konzepten, die niemand vorher zusammengedacht hat. Naval hat kein neues Wissen erschaffen. Er hat Domänen verbunden, die andere als getrennt behandelt haben, und das Ergebnis war eine Perspektive, die sich wie eine Entdeckung angefühlt hat.
Wenn du epistemische Verantwortung lebst, sitzt du nicht mehr auf dem Sofa und machst innerlich zu, wenn jemand redet, dessen Meinung dir nicht passt. Du hörst zu, nicht weil du zustimmst, sondern weil du verstehen willst, aus welcher Ebene heraus diese Person denkt. Und wenn du das Unicorn Principle anwendest, nimmst du das, was du dabei lernst, verbindest es mit dem, was du aus einer völlig anderen Domäne weißt, und schreibst daraus einen Text, bei dem deine Leser denken: das habe ich noch nie so gehört, aber es stimmt genau.
Dan Koe schreibt über Psychologie, Philosophie, Business und persönliche Freiheit gleichzeitig, und seine Audience wächst, weil die Menschen spüren, dass da jemand aus einer Ebene schreibt, die über den einzelnen Themen steht.
Das kannst du auch. Aber nicht durch mehr Konsum, mehr Lernen oder mehr Posten, sondern indem du anfängst, die Wahrheit ernster zu nehmen als deine eigene Meinung.
4 Schritte, um zu denken wie ein moderner Philosoph und dafür bezahlt zu werden
Also, was bedeutet das jetzt konkret für dich?
Fang an, deine eigenen Reaktionen zu hinterfragen, bevor du die der anderen analysierst.
Das ist der schwerste Schritt, weil er keine externe Bestätigung liefert. Wenn du das nächste Mal merkst, dass du bei einem Thema emotional wirst, also wenn du anfängst, schneller zu tippen, lauter zu werden oder innerlich zuzumachen, dann halt kurz an und frag dich: woher kommt diese Reaktion eigentlich? Wann habe ich diese Meinung das letzte Mal wirklich überprüft? Auf welcher Ebene reagiere ich gerade? Das ist keine Schwäche, das ist der Anfang von epistemischer Verantwortung.
Lern, Ebenen zu sehen statt Meinungen zu bewerten.
Wenn du das nächste Mal in eine politische Diskussion gerätst, egal ob online oder am Familientisch, stell dir nicht die Frage, wer recht hat. Stell dir die Frage, auf welcher Ebene diese Person argumentiert und was das über ihr Weltbild aussagt. Eine Person auf der Ordnungsstufe wird immer für klare Regeln argumentieren, weil Regeln für sie Sicherheit bedeuten. Eine Person auf der Leistungsstufe wird immer für Wettbewerb argumentieren, weil Wettbewerb für sie Fortschritt bedeutet. Beide haben aus ihrer eigenen Logik heraus recht, und wenn du das siehst, hörst du auf zu streiten und fängst an zu verstehen.
Bau dein erstes Unicorn.
Nimm ein Konzept, das du wirklich gut kennst, aus deinem Studium, deinem Job, deinem Leben, und verbinde es mit einem Konzept aus einer völlig anderen Domäne und schreib auf, was dabei rauskommt. Naval hat Spieltheorie mit Philosophie verbunden und daraus eine Wealth-Theorie gebaut, die Menschen heute noch lesen. Dan Koe hat Psychologie mit Business verbunden und daraus eine Personal Brand aufgebaut, die größer ist als die meisten Medienunternehmen. Du musst nicht auf deren Niveau starten, aber du musst anfangen, Verbindungen zu ziehen, die du vorher ignoriert hast.
Mach es öffentlich.
Das ist der Schritt, den die meisten überspringen, weil er sich am gefährlichsten anfühlt. Aber Gelb-Denken bleibt abstrakt, solange es im Kopf bleibt. Der Moment, in dem du einen Gedanken so aufbereitest, dass ein anderer Mensch ihn versteht, ist der Moment, in dem du wirklich weißt, ob du es selbst verstanden hast. Richard Feynman, einer der brillantesten Physiker des 20. Jahrhunderts, hat das zu seinem Lernprinzip gemacht: wenn du es nicht einfach erklären kannst, hast du es noch nicht wirklich verstanden. Schreib einen Newsletter, poste einen Text, nimm ein Thema, das dich gerade beschäftigt, und erkläre es so, dass dein Leser etwas mitnimmt, das er vorher nicht hatte. Das ist der Trainingsapparat für Gelb-Denken und gleichzeitig der Mechanismus, mit dem du in der Creator Economy eine Audience aufbaust, die bleibt.
Ich jogge zurück über die Rheinbrücke und höre Leo dabei zu, wie er beschreibt, was ich zwei Wochen vorher auf diesem Sofa gemacht habe.
Und ich denke: wenn ich das damals gewusst hätte, hätte ich zugehört. Nicht weil ich der Frau recht gegeben hätte, sondern weil ich verstanden hätte, auf welcher Ebene sie argumentiert und was das über ihr Weltbild aussagt. Ich hätte etwas mitgenommen, statt innerlich wegzuschalten.
Das ist der Unterschied zwischen einer Person, die in ihrem Leben lebt, und einer Person, die über ihrem Leben steht. Nicht im arroganten Sinne, sondern im Sinne von: du siehst das Spiel, während andere noch streiten, wessen Spielfigur die bessere ist.
Und wenn du das einmal siehst, kannst du es nicht mehr übersehen.
Wenn du Bock hast, diesen Prozess zu starten, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt dafür. Die Creator Economy verschiebt sich gerade von Grün zu Gelb, und die Menschen, die das früh verstehen, werden einen Vorsprung haben, den man später nicht mehr aufholen kann. Was ich mit Words to Influence aufgebaut habe, gibt dir genau diesen Kickstart.
Wir geben erstmal nur 10 Plätze raus
Das war's für die Woche
Ich wünsch' dir nur das Beste
Jani
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